Angedacht

Gott spricht: Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.  Hesekiel 37,27
Die meiste Zeit unsers Lebens verbringen wir in der Wohnung, im Haus. Entsprechend wichtig ist für viele, ihren Lebensmittelpunkt so wohnlich und  individuell wie möglich zu gestalten. Drückt er doch auch etwas über das sonstige Denken und Leben aus.
Gerhart Hauptmann nannte sein Haus die „Schutzhülle meiner Seele“.  Seine letzten Worte vor dem Sterben waren eine Frage: „Bin ich noch in meinem Haus?“
Gerade im Herbst und Winter werden sie uns erst recht wieder zu Schutzhüllen vor Dunkelheit und Kälte, „igeln“ wir uns gar in ihnen ein – die Orte, wo wir wohnen.
Nicht anders geht es in unserer Kirche zu. Vertraut sind uns die Räume, die Atmosphäre, die Menschen, denen wir dort begegnen. Umso schwerer fällt es dann, aus diesem Schutzraum herauszutreten und den Glauben auf die Straße, unter die Leute zu bringen.
Wohnung, Haus, Kirche sind allesamt Immobilien (lateinisch im-mobilis ‚unbeweglich'). Und in gewisser Weise machen sie immobil, nehmen viel Zeit und nicht selten Geld in Anspruch.
Der Monatsspruch richtet sich an das „Haus Israel“, an jene, die  miterleben mussten, wie der Tempel in Jerusalem im Jahr 587 v. Chr. von den babylonischen Truppen zerstört, die gesamte Stadt  geschliffen wurde.  Menschen verloren ihre Heimat, wurden verschleppt – ein Trauma, unter dem sie ihr weiteres Leben litten.  Doch dort in der Fremde nährt der Prophet Hesekiel die Hoffnung, dass es einmal eine Rückkehr in die alte Heimat geben wird. Nicht alles ist verloren, Gott wird einen neuen Bund des Friedens auf ewig mit den Seinen schließen. Menschen aus der Nähe und Ferne werden wieder zusammen wohnen und Gott mitten unter ihnen.
Wo genau Gott wohnt,  wird nicht genannt, aber umso mehr das „unter den Menschen sein“ betont. Denn Begegnung, Austausch,  wird erst da lebendig, wo man miteinander in Kontakt kommt.
Jesus  lebte ganz und gar in diesem Bewusstsein, als er mit seinen Anhängern aufbrach, um  die Botschaft von Gottes Liebe unter die  Menschen zu bringen. In radikaler Weise löst er sich vom Besitz, um den Menschen nahe zu sein  (…der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.  Matthäus 8, 20)
Ein Sinnbild dafür, dass Gottes Wohnen im besten Sinne nicht auf etwas Statisches und Festes zielt, sondern auf das Mit-den-Menschen-leben und unterwegs sein.
So ist dieser Gott gerade auch ein Gott der Vertriebenen, der Flüchtenden, ein Gott derer, die keine feste Behausung haben. Im letzten Buch der Bibel in der Offenbarung des Johannes  heißt es  vom zukünftigen neuen Jerusalem,  „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen“ (Offenbarung 21 ,3).
Ich wünsche uns in den kommenden Wochen gute Begegnungen in  unseren „Immobilien“  - Wohnung, Haus, Kirche und die Erfahrung, dass Gott mitten unter uns gute Gespräche über das Leben und den Glauben schenkt.
Holger Sieweck