Angedacht

Eine Ernte-Dank-Geschichte
Undenkbar, wenn es sie nicht gäbe auf unserem wöchentlichen Speisplan-die Kartoffel. So sehr haben wir uns an sie gewöhnt, dass man meinen könnte, sie sei eine typische Europäerin.
Schon lange bevor die Kartoffel auf europäischen Boden kam, kultivierten die Inkas in den Anden Südamerikas die ‘papa‘ (Kartoffel)  in zahlreichen Sorten. Als die Spanier im 16. Jh. ihren Eroberungszug gegen das Inkareich begannen, stießen sie im Goldrausch ganz nebenbei auch auf die zunächst kaum beachtete Kartoffel. Frachtbriefe von Schiffen aus Südamerika kommend belegen, dass im November 1567 Fässer, gefüllt mit Kartoffeln, Orangen und grüne Zitronen, zunächst auf Gran Canaria und dann in Antwerpen verladen wurden. Von Spanien aus gelangte die Kartoffel nach Italien und breitete sich dann langsam auf dem europäischen Festland aus.  Große Verbreitung fand die Kartoffel zuallererst in Irland im Laufe des 17.Jahrhunderts,wo sie schon bald Grundnahrungsmittel wurde. Noch 100 Jahre zuvor fand man die Kartoffel zunächst nur als besondere Rarität in den Gärten der Botaniker und Herrschaften. In der Schweiz galt sie anfangs als besonders prachtvolle Topfpflanze. Am französischen Hof erregte sie besondere Aufmerksamkeit, denn Marie-Antoinette trug auf Bällen einen Kranz zarter Kartoffelblüten im Haar. Mitunter wurde sie als Giftpflanze bezeichnet, weil der Verzehr der oberirdischen Früchte Bauchschmerzen oder Vergiftungserscheinungen nach sich zog.
Im Jahr 1649 wurde im Berliner Lustgarten auf Weisung des „Großen Kurfürsten“ Friedrich Wilhelm von Brandenburg von seinem Hofgärtner Michael Hanff ein Kartoffelacker angelegt. Der ebenfalls beteiligte Hofbotaniker Johann Sigismund Elsholtz vermerkt in einer seiner Schriften: “Diese anmuthige Wurzeln kommen selten zu uns. Alsdan aber uebergehen sie die liebligkeit der Castanien und der gemeinen Zuckerwurz gar weit / und waeren wehrt / dass man sie auch bey uns zu ziehen vermoechte.“
Doch erst am 24. März 1756 erließ Friedrich II. den sogenannten „Kartoffelbefehl“ mit dem Auftrag, „denen Herrschaften und Unterthanen den Nutzen von Anpflantzung dieses Erd Gewächses begreiflich zu machen, und denselben anzurathen, dass sie noch dieses Früh-Jahr die Pflantzung der Kartoffeln als einer sehr nahrhaften Speise unternehmen“. Der Volksmund berichtet, dass Friedrich II. manchmal seine Bauern regelrecht ins Kartoffelglück prügeln ließ.
Bald zeigte sich allerdings auch die Schattenseite vom Anbau der Kartoffel als Monokultur. Pflanzenschädlinge sorgten für zahlreiche Missernten, die dann Hungersnöte zur Folge hatten. Viele Millionen Menschen verhungerten in Europa besonders Mitte des 19. Jahrhunderts.
Die Älteren unter uns werden sich nur zu genau an die Kriegs- und Nachkriegsjahre erinnern, wo die Kartoffel, manchmal sogar ihre Schalen, als Hauptnahrung diente. Viele öffentliche Grünanlagen wurden in dieser Zeit umgenutzt, um darauf statt Blumen Kartoffeln und anderes Gemüse anzubauen.
Beim nächsten Kartoffelgericht werde ich sie mir besonders schmecken lassen, jene „Europäerin“ mit südamerikanischen Wurzeln und ich werde besonders `Danke‘ sagen, für dieses wahrhaft irdische und zugleich göttliche Gewächs.
Holger Sieweck