Angedacht

Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder. - 1. Könige 8,39 | Monatsspruch Juni 2020

Denken passiert im Kopf, Gefühle im Herzen. Und auf das Bauchgefühl zu achten, ist ebenfalls für viele ganz wichtig. Seit die Philosophen der griechisch-römischen Antike diese Aufteilung vornahmen, gilt das bis heute noch weithin: Kopf und Körper, Seele und Leib, Vernunft und Gefühl. Doch das war nicht immer so.
Zu Zeiten des Alten Testamentes galt der Mensch als ein Ganzes, also als Einheit aus Körper und Geist. Das weitaus häufigste Wort, das ein Organ und damit zugleich viel mehr bezeichnet, ist das hebräische "leb", das Herz.  858 mal kommt es in der Bibel vor. Das Herz ist Sitz der Vernunft, der Weisheit, des Urteilsvermögens – Funktionen, die wir heute dem Gehirn zuordnen.

Denken, Fühlen und Wollen gehören in der Bibel untrennbar zusammen und finden in der Mitte des Menschen – im Herzen – zusammen.
Dann wird auch klar, warum in unserem Monatsspruch betont wird, dass Gott unser Herz kennt, also weitaus mehr, als nur die Frequenz und den gesundheitlichen Zustand dieses so wichtigen Organes. Gott liegt unsere ganze Persönlichkeit  „am Herzen“, es geht ihm in der Begegnung mit uns immer um den ganzen Menschen.

Heute gilt für viele: Religion und Glaube sind einzig dem Gefühl zuzuordnen. Mit Vernunft  haben beide recht wenig zu tun.

Beim Pfingstereignis damals in Jerusalem heißt es von denen, die durch die Predigt des Petrus berührt wurden: da „ging’s ihnen durchs Herz.“ (Apostelgesichte 2,37)
Von unserem  Kirchenvater John Wesley gibt es die persönliche Eintragung in seinem Tagesbuch zum 24. Mai 1738: „Am Abend ging ich sehr ungern in eine Gemeinschaft in der Aldersgatestreet (London), wo Luthers Vorrede zum Brief an die Römer gelesen wurde. …als man an der Stelle war, wo er die Veränderung beschreibt, welche Gott durch den Glauben an Christus im Herzen wirkt, da wurde mir seltsam warm ums Herz.“

Keine Frage, Glaube hat viel mit dem Gefühl zu tun. Doch ohne Vernunft  kommt solch ein Glaube nicht weit. Ohne die Strategie der ersten Christen, die auf  die Weitergabe  der Lehre von Jesus Christus drängten,  ohne die Organisation einer methodistischen Bewegung, die sich schnell ausbreitete, wäre es nicht gegangen…

Ich bin froh, dass wir sie in unserer Gemeinde haben – Menschen mit viel Gefühl und mit Sachverstand. Geschwister, denen der Glaube eine echte Herzensangelegenheit ist und die dafür auch ganz pragmatisch Köper und Geist einsetzen.

Mit herzlichen Grüßen, Holger Sieweck