Angedacht

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. - Jeremia 29,7 | Monatsspruch für Oktober 2020

Um es gleich vorwegzunehmen: Diejenigen, an die sich dieser Satz ursprünglich richtet, hatten keine andere Wahl, als in der Stadt zu leben, in die sie als Gefangene verschleppt wurden.  587 v. Chr. fielen sie der Eroberungspolitik der Babylonier zum Opfer und wurden aus Jerusalem weggeführt.
Damit verändert sich die Perspektive auch sogleich ungemein. Hier geht es nicht um eine Mitmachromantik alla DDR-Motto „Schöner unsere Städte und Gemeinden!“, sondern um die Aufforderung, in der absoluten Krise nicht den Lebenssinn und den Glauben zu verlieren. Also nicht auch noch innerlich ins Exil zu gehen, sich abzuschotten und aufzugeben angesichts der unausweichlichen Realität der Gefangenschaft.
Suchet der Stadt Bestes –eine der weltweit  größten Städte damals - Babylon. Zentrum der Macht, der Kultur, der Architektur (davon zeugt das Ischtar-Tor im Pergamonmuseum Berlin). Aber eben auch der Moloch, die unwirtliche Stadt, die Stadt der Ellenbogen, des jeder gegen jeden. Die Stadt, in der alle zuerst an sich denken und für sich kämpfen. Die Stadt, in der die Menschen ihre Grenzen überschreiten und wenig Respekt haben, weder vor den Anderen noch vor Gott. Realistisch kann die Bibel all die sozialen Konflikte, das Misstrauen, die Anonymität beschreiben, die Städte gefährden.
Suchet der Stadt Bestes – mit dieser Botschaft haben viele Christinnen und Christen in der DDR versucht, ihren Weg zu gehen im sich Einbringen in eine Gesellschaft, die oft genug die Andersdenkenden und Andersglaubenden nicht ernst nahm. Dafür musste das eigene Wohl oft gewaltig hinten anstehen, weil  Benachteiligung, Verunglimpfung,  politische, manchmal sogar körperliche Gewalt durch die Offiziellen von  Stadt und Staat die Regel war. Da fiel es manchmal schwer, für die Gegner zu beten und die eigenen Ideale nicht aufzugeben.
Immer wieder gehen meine Gedanken in diesen Tagen nach Belarus. Was dort geschieht, erinnert mich so deutlich an die Zeit des Herbstes von 1989 im Osten Deutschlands. Das Ringen um das, was der Stadt und des Landes Bestes ist und die Gefahr, dass die Brutalität der amtierenden Machthaber dazu missbraucht wird, einzig ihr Bestes, ihren Machterhalt zu sichern.
Wie wichtig sind deshalb auch unsere Gebete und Gedanken für all jene, die sich überall weltweit für Gerechtigkeit, für Frieden und für die Bewahrung der Schöpfung einsetzen und damit einen wichtigen Beitrag leisten für die Vision von einem Wohlergehen  aller Geschöpfe.
Wie wichtig aber auch unser Handeln und Glauben in dieser Stadt, in der wir leben als Einzelne und als Gemeinde.

Holger Sieweck