Angedacht

Monatspruch für April 2022

Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.  Johannes 20,18

Mit dem Wort „gesehen“ (griech. opfhte) wird in den Osterberichten der Evangelien häufig die Begegnung mit dem Auferstandenen beschrieben.
In einem der ältesten Ostertexte im Neuen Testament, im 1. Korintherbrief 15,3 f. zählt Paulus ausführlich auf, wer den auferstandenen Jesus gesehen hat: Petrus, der Jüngerkreis, fünfhundert Brüder auf einmal, Jakobus, die Apostel. Seine lange Aufzählung endet damit, dass auch Paulus selbst Christus gesehen hat.
Mit diesem „sehen“ ist weit mehr gemeint, als eben mal jemanden flüchtig getroffen zu haben. Sehen bedeutet auch wahrnehmen und schließlich erkennen. Die Begegnung mit dem Auferstandenen hat in der Folge die gesamte Wirklichkeit dieser Frauen und Männer verändert. Sicher wird dabei die erste österliche Zeit eine besondere gewesen sein, die wir uns aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellen können.
Maria von Magdala jedenfalls wird aus ihrer tiefen Trauer gerissen, ihr getrübter Blick wird geschärft und schließlich bricht sie mit neuer Kraft und Hoffnung auf, um es den Freunden zu sagen: „Ich habe den Herrn gesehen.“
Es geht dabei um weit mehr, als nur um das zu glauben, was ich rein objektiv sehen kann. Das wäre ein schwaches Bekenntnis und eine Verengung rein auf das Sichtbare und Fassbare. Damit hätte der Bericht von der Auferstehung Jesu wohl kaum Menschen durch die Jahrhunderte bis heute in die Nachfolge geführt. Erst dann, wenn wir die alten Ostergeschichten mit unseren Geschichten von den Grenzen des Lebens, von Krankheit, Trauer und Tod und deren Überwindung verknüpfen und weitererzählen, gewinnen sie von Neuem aufrichtende Kraft.  Und dann kann es sein, dass wir Christus noch ganz anders sehen z.B. in den Gesichtern von Geflüchteten und Verfolgten, von Hungernden und Bedürftigen, weil er sich gerade in diesen Menschen besonders zeigt (Matthäus 25, 34-40).

Mit herzlichen Grüßen für die Passions- und Osterzeit,
Ihr/euer Holger Sieweck