Angedacht

Kerzen
Mitte September haben wir an einigen Tagen abends kurz die Heizung in unserer Wohnung aufgedreht und auf dem Tisch im Wohnzimmer die dort stehende Kerze angezündet. Vorboten des Herbstes, der nun auch kalendarisch die nächsten Monate bestimmt.

Vor einiger Zeiterzählte uns ein Freund vom früheren Brauch, Kerzen ins Fenster zu stellen. Es begann wohl zunächst nach Ende des Zweiten Weltkrieges zum Heiligabend. Viele Deutsche zündeten in ihren Fenstern Kerzen an. Mit dieser Geste, die auf den damaligen Berliner Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter zurückgeht, wurde der Kriegsgefangenen gedacht, die nach Kriegsende noch nicht heimgekehrt waren. Später dann, bis in die 1960er Jahre hinein, wurden derartige Kerzen anlässlich der deutschen Teilung als Solidaritätsbekundung mit den „Brüdern und Schwestern im Osten“ aufgestellt.
Was für ein Zeichen, von dem ich, selbst damals im Osten lebend, bisher noch nie etwas gehört hatte.

Die Kerzen waren es dann wieder bei den Friedensgebeten in Leipzig und anderswo in der DDR im Herbst 1989, die stillen und leuchtenden Begleiter, die in den Kirchen an die Inhaftierten erinnerten und vor den Gebäuden der Staatssicherheit als friedliche Protestzeichen zu Tausenden bei den Demonstrationen aufgestellt wurden.  Horst Sindermann, Mitglied des Zentralkomitees der SED, sagte später im Rückblick auf die friedliche Revolution:"Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete."

Es wird ein besonderer Herbst werden  - 2019. Wo viele zurückblicken auf die Zeit vor 30 Jahren, die Erinnerungen an die Ängste und Hoffnungen, die uns im Osten im Oktober und November 1989 umtrieben. Wir werden sie erzählen, unsere Geschichten rund um die Wende, vielleicht ja auch da und dort in den Veranstaltungen in der Gemeinde.

Gründe, um Kerzen anzuzünden, gibt es aber auch aus aktuellem Anlass. So wie damals. Im Gedenken an die Menschen in den Flüchtlingscamps in Syrien, in Libyen, der Türkei, in Griechenland und an vielen anderen Orten.  Kerzen für poltische Gefangene in den Gefängnissen rund um die Welt. Und nicht zuletzt Kerzen für diese eine unsere Mutter Erde und das Klima auf ihr, das nicht nur von CO², sondern genauso von egoistischem, engstirnigem, hasserfülltem Gedankengut und Praktiken bedroht ist.

„Ihr seid das Licht der Welt….So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen….“ (Matthäus 5,14.16).  So klar und eindeutig spricht es Jesus zu seinen Nachfolgern.

Herbstzeit – Kerzenzeit. Also: Kerzen anzünden, bitten und beten, und wo immer es geht, etwas tun für den Frieden, für die Gerechtigkeit, für ein gutes Klima…!

Mit herzlich herbstlichen Grüßen, Pastor Holger Sieweck