Angedacht

Alles vermag ich durch ihn,der mir Kraft gibt. Philipper 4,13

Leute die vorgeben, alles zu können, sind mir suspekt. Nicht selten stellt sich nämlich bei näherer Betrachtung heraus, dass es da doch das eine oder andere Defizit gibt. Der Volksmund stellt nüchtern fest:„Niemand ist perfekt“, oder „Der kocht auch nur mit Wasser.“
Das gilt nun gleichermaßen in Sachen Glauben. Auch da kenne ich manche, die sehr selbstsicher und manchmal lautstark einen unerschütterlichen Glauben vorgeben, der sich dann plötzlich in Krisen als brüchig erweist. Bestes Beispiel aus dem Neuen Testament ist da wohl Petrus. Der Glaube, der Berge versetzt, wie es Jesus selbst bei seinen engsten Vertrauten nicht findet, scheint eine Seltenheit zu sein.      
Aber hin und wieder gibt es sie, solche Lichtgestalten im Allgemeinen wie im Besonderen, die freilich auch die Größe besitzen, ihre Fehler und Schwächen durchaus zu benennen.
 
Paulus ist zweifellos so einer. Als er jenen Satz schrieb, saß er wieder einmal im Gefängnis.
Dort ist es ihm offensichtlich möglich gewesen, Briefe nach draußen zu schleusen, die die Gemeinde in Philippi erreichen. Der ganze Philipperbrief ist ein Beleg dafür, wie eng das Verhältnis zu jener ersten von ihm gegründeten Gemeinde auf europäischem Boden war. Nur von ihr ließ er sich mit Kollekten finanziell unterstützen. Er wusste um die regelmäßige Fürbitte für ihn und seinen Dienst; er selbst trug sie im Gebet und im Herzen. Wenn er hier soweit geht, davon zu sprechen, dass er alles erträgt, dann ist das ein privates Bekenntnis unter engen Vertrauten und nicht etwas, was er lauthals auf dem Marktplatz verkündet. Ohne Frage, es gibt auch andere Stellen, wo Paulus zweifelt und klagt, sogar lebensmüde geworden ist. Doch in allem weiß er sich von Christus getragen und mit ihm verbunden. Dann, wenn nichts mehr geht und eigenes Handeln an unüberwindbare Grenzen stößt, erst dann kann es sein, dass Gottes Kraft einem in ungeahnter Weise zuströmt.
Dietrich Bonhoeffer schrieb in gleicher Situation 1943 in seiner Zelle:
„Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“
Solch ein Glaube ist mir nicht suspekt, wiewohl es mir nicht leicht fällt, damit zu rechnen. Nicht mit Fleiß und Streben nach Perfektion kann ich ihn erlangen; er ist und bleibt ein Geschenk. Doch darum bitten, das kann ich.
Allen, die in den nächsten Wochen aufbrechen zu neuen Horizonten, unterwegs sind, oder auch einfach den Sommer in Stadt und Umland genießen, wünsche ich eine behütete und gesegnete Zeit.

Herzlichst, Holger Sieweck