Predigt 31.05.2015 - Abel steh auf

Predigt: Abel steh auf
von Petra Lange am 31.5.2015 (Trinitatis)


Liebe Geschwister!
Der Predigttext, den ich gewählt habe, stammt aus einem Gedicht. Das Gedicht heißt Abel steh auf und lautet:
 
Abel steh auf
es muss neu gespielt werden
täglich muss es neu gespielt werden
täglich muss die Antwort noch vor uns sein
die Antwort muss ja sein können
 
wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort
sich je verändern
 
wir können alle Kirchen schließen
und alle Gesetzbücher abschaffen
in allen Sprachen der Erde
wenn du nur aufstehst
und es rückgängig machst
die erste falsche Antwort
auf die einzige Frage
auf die es ankommt
 
steh auf
damit Kain sagt
damit er sagen kann
Ich bin dein Hüter
Bruder
wie sollte ich nicht dein Hüter sein
Täglich steh auf
damit wir es vor uns haben
dies Ja ich bin hier
ich
dein Bruder

Die Dichterin, die dieses Gedicht geschrieben hat, heißt Hilde Domin. Sie appelliert in diesem Gedicht an Abel, an das Opfer, wieder aufzustehen und dem Täter, Kain, eine zweite Chance zu geben. Kain soll den Totschlag nicht noch einmal begehen, sondern sein Tun der Devise unterordnen, dass er der Hüter seines Bruders ist.
 
Dass Hilde Domin so schreibt, hängt mit ihrer Biografie zusammen. Hier kurz einige Daten zu ihrem Lebenslauf: Hilde Domin wurde 1909 in eine großbürgerliche jüdische Familie geboren. Bereits 1932 erkennt sie die Gefahr, die von den Nationalsozialisten ausgeht und emigriert, gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann, nach Italien. Von dort gehen sie ins Exil nach England und von England führt sie die Flucht in die Dominikanische Republik. Im Übrigen ist ihr Name, den sie als Künstlerin angenommen hat, eine Ableitung aus dem Namen dieses Landes, das ihr am längsten Exil gewährt hat: Domin.
Der Holocaust erschüttert sie zutiefst. Wie viele andere verliert sie einen Teil ihrer Familie und sie zögert wie viele andere, nach Deutschland zurückzukehren. 1954, nach 22 Jahren, tut sie es dennoch.
 
Und dieses Dennoch bleibt fortan ihre Lebensmaxime. Denn ihr Glaube ist, dass man dennoch Vertrauen und Zuversicht haben kann. Dieses Vertrauen ist ein widerständiges Vertrauen. Es ist ein Vertrauen, das Leid und Schuld nicht unter den Teppich kehrt und das neben der Erinnerung an das Erlittene auch die Erinnerung an die empfangene Hilfe kennt.
Hilde Domin selbst bezeichnet sich als ein Kind Abels. Ein Kind Abels, das für eine Welt geschwisterlicher Gerechtigkeit kämpft, ein Kind Abels, das sein Schicksal angenommen hat. Ohne ihr Jüdischsein wäre sie nicht Dichterin des Dennoch geworden.
Aus der Erinnerung an Kriege und Gewalttaten will sie einen Impfstoff für die Nachgeborenen gewinnen, einen Impfstoff gegen Barbarei und Unmenschlichkeit.
Sie sieht sich als ein Kind Abels, das Gedichte für die Freiheit schreibt. Lyrik, sagt sie, ist ein großes Glockenläuten. Gedichte wenden sich an die Unschuld eines jeden Menschen. An den Bereich in ihm, der nicht von Kompromissen und Herdentrieb verstellt ist. Nur wer davon frei und bei sich selbst ist, wird der Hüter seines Bruders sein.
 
Das sind große Worte. So wie die meisten Gedichte der Hilde Domin tiefgründig und herausfordernd sind.
Und dennoch bohrt in mir eine Frage.
Was ist mit Gott?
Und ich meine das überhaupt nicht so, dass ich es falsch finde, dass für Hilde Domin der Glaube an ihre Mitmenschen im Zentrum steht.
Ganz im Gegenteil. Ich finde es gut, dass das Gedicht nicht romantisch verklärt, sondern ganz auf diese Welt bezogen und keine Vertröstung aufs Jenseits ist.
Aber es ist doch auffällig, dass von Gott in diesem Gedicht nicht die Rede ist.
 
Und mir ist unbegreiflich, wie Abel das schaffen soll. Wie soll er sich täglich neu Kain aussetzen, immer auf die Gefahr hin, täglich erschlagen zu werden, ohne bei Gott Kraft und Halt und Mut zu suchen? Und wie soll Kain das schaffen, seine Affekte zu drosseln, ohne seinen Zorn, seine Wut, seine Eifersucht mit Gottes Hilfe zu überwinden? Wie sollen die Kinder Abels das schaffen? Und wie soll ich das schaffen, als ein Enkel Kains?
 
Deshalb die Frage: Wie begegnet uns Gott in der biblischen Kain-und-Abel-Geschichte? Wenn wir uns erinnern: Kain und Abel bringen dem Herrn Opfer. Abels Opfer sieht der Herr gnädig an. Kains Opfer nicht. Darüber wird Kain wütend und der Herr wendet sich ihm zu. Ich zitiere die Verse sechs bis acht, die wir bereits in der Lesung gehört haben: 6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? 7 Ist's nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. 8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.
 
Dichter und Denker, Rabbiner und christliche Theologen haben immer wieder versucht, die Lücke zu füllen, die sich in den drei Versen auftut. Immer wieder haben sie sich daran versucht, auszumalen, was Kain zu Abel auf dem Feld sagt, worüber die Brüder sich streiten, welche Worte genau zum Mord führen.
 
Einer, der in der jüngerer Zeit die Genesis kommentiert hat, ist der Theologe Horst Seebass. Er macht den Vorschlag, die Kain und Abel-Geschichte als ein Ganzes zu lesen, ein Ganzes, an dem nichts fehlt und dem nichts hinzugefügt werden muss. Er schaut stärker darauf, was uns der Schreiber der Geschichte vor Augen führen will. Was also, wenn wir die drei Verse so nehmen wie sie sind?
 
Dann sehen wir die drei vor uns. Gott, Kain und Abel.
Kain hält den Kopf gesenkt. Gott redet mit ihm, fragt ihn, warum er zornig ist, sagt ihm auf den Kopf zu, dass er ihn durchschaut: wenn es gut läuft, sagt er, und du das Gefühl hast, du hast alles richtig gemacht, dann gehst du mit erhobenem Blick durch die Welt, wenn du dich aber zurückgesetzt fühlst, weil du meinst, ich ziehe dir deinen Bruder vor und das ungerechtfertigt, dann haderst du und zwar so sehr, dass Rache deine Gedanken regiert. Ich sage dir aber, du kannst deine Wut beherrschen, ohne dass dein Herz verstockt und dein Blick finster wird. Sieh mich an! Sprich mit mir!
Gott redet mit Kain.
Und Kain?
Kain wendet sich Abel zu.
Und dem Augenblick ist es egal, was Kain zu Abel sagt oder was Abel zu Kain sagen mag.
 
Der Schreiber, der uns die Verse 6-8 aufschreibt, benötigt keine Worte, um uns die Abwendung Kains von Gott zu verdeutlichen, er benötigt die Lücke im Text, das verweigerte Gespräch. Er schildert uns die stumme Geste Kains.
Man kann den Zusammenhang zwischen der Hinwendung Gottes zu Kain und Kains Abwendung nicht besser verdeutlichen. Das Versagen der Kommunikation ist der Anfang aller Gewalttätigkeit (Jean Paul Sartre).
 
Und Gott? Wie wird er uns gezeigt?
Als ein Analytiker Kains, als einer, der weiß, dass aus Selbstzweifeln Verstummen hervorgehen kann und aus Verstummen Verbitterung. Ein Prozess, der zu unguten Taten führt. Zerstörerisch gegen sich und andere. Gott bemüht sich, Kain mit Worten zu überzeugen. Gott argumentiert, er appelliert an Kains Anrufbarkeit, an Kains Fähigkeit, aus freien Stücken zu Einsicht und Erkenntnis zu gelangen – das alles tut Gott, und er tut noch etwas: er überlässt Kain „die Würde der Entscheidung“ (Horst Seebass).
 
Gottes Schöpfung ist Resultat der Freiheit, in dem Sinne, dass Gott ja nicht gezwungen war, sein Schöpfungswerk zu vollbringen (Leonardo Boff). Kain und Abel sind die Erben dieser Freiheit. Gott erzwingt Kains Vertrauen nicht, er erzwingt Kains Glaube nicht. Kains Freiheit ist, sich entscheiden zu können. Gott kann die Gewalttat nicht verhindern, er befürwortet sie aber unter keinen Umständen. Das Blut deines Bruder schreit zu mir von der Erde, sagt Gott zu Kain, bevor er ihn verflucht. Gott stellt sich entschieden auf die Seite der Opfer. Auch das zeigt uns der Schreiber der Kain-und-Abel-Geschichte.
 
Weise nennt Horst Seebass Gottes Handeln. Weise in der Erkenntnis, dass sich aus Zurücksetzungsgefühlen Besessenheiten entwickeln können. Und weise auch in dem anti-autoritären Verhalten, das nicht auf die Drohgebärde eines Über-Ich setzt.
Es liegt bei Kain. Abel zu verschonen, steht allein in seiner Macht. Dazu müsste er seinen Blick heben. Kain müsste seinen Blick auf Gott richten, damit er erkennen kann, dass die Liebe, die Gott seinen Geschöpfen entgegenbringt, Abel und ihm gilt. Das ist Gottes Hoffnung, dass Kain den Bruder neben sich mit seinen, mit Gottes Augen sehen kann, dass Kain mit Blick auf ihn, mit Blick auf Gott, eine heilende Distanz zu seinem ohnmächtigen Zorn erfährt, dass sich der Sturm in seinem Inneren legt.
Es liegt bei Kain.
 
Die rettenden Wunder, die sich während der Judenverfolgung und des Holocaust ereigneten, kamen von Menschen allein, waren die Taten Einzelner (Hans Jonas). Das hat Hilde Domin erfahren und daran glaubt sie.
Der Glaube der Hilde Domin an die Menschen ist so unerschütterlich wie das Verlangen Gottes nach einem Bündnis mit uns groß ist. Sie geht sogar soweit zu sagen, wenn Abel aufsteht und nicht erschlagen wird, wenn sich das unter den Menschen durch die Menschen erfüllt, dann können alle Gesetzbücher abgeschafft und alle Kirchen geschlossen werden.
Gott wird verwirklicht, wenn Abel aufsteht und lebt.
 
Dieser alttestamentarische Gott, der Kain analysiert und ihm dann die Würde der Entscheidung überlässt, der sich auf die Seite des Opfers, auf Abels Seite stellt, der Kain dann wiederum der Gewalt nicht ausliefert, sondern ihn durch ein Zeichen auf der Stirn schützt – das ist auch unser Gott.
 
Das ist der eine Gott, der mit väterlicher – und mütterlicher –  Geduld den Bund mit den Menschen sucht. Täglich aufs Neue.
Zu ihm können wir aufblicken.
Das ist der eine Gott, bei dem Freiheit, Gerechtigkeit und geschwisterliche Gleichheit miteinander verbunden sind und bei dem die Liebe zu allen Geschöpfen universal wird. Diese Liebe nimmt in Jesus Christus menschliche Gestalt an.
Christus lenkt unseren Blick neben uns zu unseren Geschwistern.
Und das ist auch der Gott, der durch den Heiligen Geist in uns aber eben auch überall dort wirken kann, wo Vater und Sohn unbekannt sind.
Mit Hilfe des Geistes blicken wir in uns.
In diese drei Richtungen gehen unsre Blicke. Auf diesen drei Ebenen sind wir in Gesprächen. Neben der Erinnerung an Kriege und Unmenschlichkeiten gewinnen wir hier den Impfstoff gegen Gewalt und Barbarei.
 
Solange der Ausgang der Kain-und-Abel-Geschichte feststeht oder festgeschrieben bleibt, solange können wir uns mit den Figuren nur schwer identifizieren.
Wer von uns möchte schon gern die Rolle Abels spielen, eine Figur, die am Anfang einer Geschichte auftaucht und sich dann in Luft auflöst?
Wer von uns möchte schon gerne Kain sein, der zur Waffe greift, obwohl er bei seinen Pflugscharen bleiben könnte?
Aber wenn Abel aufsteht, ist der Ausgang der Geschichte offen. Diesen Horizont eröffnet uns das Gedicht von Hilde Domin. Wenn der Ausgang der Geschichte offen ist, bietet sich uns die Chance, dass wir die Anteile Abels und die Anteile Kains an uns und an anderen erkennen. Es bietet sich uns die Chance, uns unseren Ängsten zu stellen und unsere Vorurteile zu überwinden.
 
Die meisten von uns wissen um die Konflikte zwischen Geschwistern. Wir kennen das Gerangel zwischen Jüngeren und Älteren um die Anerkennung der Eltern. Wir kennen die Abgrenzungskämpfe und die Verbrüderungen, den Streit und das Vertragen. Immerhin ist die Beziehung zu unseren Geschwistern die längste unseres Lebens. Für gewöhnlich sind wir mit ihnen länger als mit unseren Eltern verbunden.
 
Mit Geschwistern lernen wir die Bedeutung und den Gebrauch des Dennoch. Uns voneinander abzugrenzen und uns dennoch aufeinander zu beziehen, uns zu streiten und uns dennoch zu vertragen. Geschwister können eben beides. Gelingen geschwisterliche Beziehungen ist das eine große Bereicherung für uns.
 
Geschwister geben uns Halt, viel verstörender als der Bruch zwischen Eltern und Kindern kann der Bruch zwischen Geschwistern sein. Regelrechte Existenzangst kann das auslösen. Geschwister versichern uns in der Welt. Wir haben sie uns nicht ausgesucht, sie sind einfach da, und was wir an ihnen lernen, übertragen wir auf den Umgang mit unseren Mitmenschen.
 
Und da kann es immer wieder passieren, dass Personen, denen man nicht viel zugetraut hat, eine große Karriere machen, während es anderen nicht gelingt, die dafür wie gemacht schienen. Oder um es mit den Worten sagen, mit denen Hilde Domin in ihrer Biografie zitiert wird: Bei Kain und Abel war es nicht die Frage, wer frommer geopfert hat, sondern man hat mal Glück, man hat mal Pech und das muss man ohne Neid verkraften können.
Nach dem, was wir gehört haben, ist der Neid gar nicht so pauschal zu verurteilen, er ist eine menschliche Regung, er darf nur keinesfalls derart Besitz von uns ergreifen, dass wir blind für das Gute werden, das wir empfangen haben.
 
So wie wir die Erben der göttlichen Freiheit sind, sind wir auch die Erben der Liebe Gottes.
So wie Gott täglich neu den Bund mit uns Menschen sucht, so wie es zwischen Geschwistern täglich neu gespielt werden muss, so können wir uns selbst gegenüber täglich gütig sein.
Damit wir, wenn wir täglich mit uns selbst oder mit unserem Engagement nur kleine Schritte vorwärts kommen oder gar scheitern, nicht verzweifeln und es nicht beenden, sondern heute und morgen wieder neu beginnen.
Damit es neu anfangen kann mit uns und zwischen uns allen, sind Selbstliebe und Nächstenliebe miteinander verknüpft. Die eine erfüllt sich durch die andere, beide zusammen richten sich an dem Gott aus, dem alles Leben heilig ist.
 
Abel steh auf, es muss neu gespielt werden, täglich muss es neu gespielt werden, täglich muss die Antwort noch vor uns sein, diese einzig wichtige Antwort auf die einzige Frage, auf die es ankommt, Abel steh auf, damit Kain sagen kann, ich bin dein Hüter, Bruder.
 
Hilde Domin bezeichnet dieses Gedicht unter ihren vielen Gedichten als ihr wichtigstes. Sie nennt es sogar ihr letztes Wort.
So sei es.
Amen
 
Literatur
  • Leonardo Boff: Kleine Trinitätslehre, Patmos Verlag, Düsseldorf 1991
  • Hilde Domin: Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Frankfurter Poetik-Vorlesungen, Fischer Taschenbuch Verlag, FaM 1993.
  • Eugen Drewermann: Wendepunkte oder Was besagt eigentlich das Christentum?, Patmos Verlag, Ostfildern 2014.
  • Manfred Görg: Monotheismus im Widerstreit. Zur jüngeren Debatte um Glaube und Gewalt, in: bildungsforschung, Jahrgang 3, Ausgabe 1/2006, Schwerpunkt Krieg und Bildung. www.bildungsforschung.org/index.php/bildungsforschung/article/view/24/22 [download am 15.05.2015]
  • Hans Jonas: Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, FaM 1987. 
  • Christoph Müller: Predigt über Genesis 4, 4-16, in: Göttinger Predigten im Internet, herausgegeben von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch. www.predigten.uni-goettingen.de/archiv-2/000917 [download am 15.05.2015]
  • Susann Sitzler: Geschwister. Die längste Beziehung unseres Lebens, Klett-Cotta, Stuttgart 2015.
  • Gabrielle Oberhänsli-Widmer: Das Böse an Kains Tür. Die Erzählung von Kain und Abel in der jüdischen Literatur, in: Kirche und Israel 19/2004, S. 164-181. www.freidok.uni-freiburg.de/data/6036 [download am 15.05.2015]
  • Ilka Scheidgen: Hilde Domin. Dichterin des Dennoch, Kaufmann Verlag, Lahr 2015
  • Horst Seebass: Genesis I, Urgeschichte (1,1 – 11,26), Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2009

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